Am Sonntag, 7. Juni 2009 ist es so weit, die Europawahl steht an. Mit ihr steht hier in Darmstadt ein Bürgerentscheid zur Abstimmung, der über die Zukunft der Nordostumgehung entscheiden soll.
Das Bürgerbegehren fordert dabei das Aus für die Umgehung. Wer also dem Bürgerbegehren zustimmt (also sein Kreuz bei “Ja” macht) verhindert damit den Bau der Umgehung (s. weiterführende Artikel unten).
Die NO-Umgehung ist in Darmstadt umstritten. Viele kämpfen dafür, vor allem weil sich manche Lokalpolitiker damit brüsken, dass die NO-Umgehung eine Entlastung der Innenstadt zur Folge hätte1 , aber genau dies zweifeln die Gegner an. In einem sehr guten und umfangreichen Artikel des Darmstädter Echos online unter dem Titel “Die Nordostumgehung – Daten und Fakten” werden Untersuchungen, Vor- und Nachteile gegenüber gestellt. Zugegeben, das entsprechende Dokument ist nicht ganz einfach zu lesen, da es viele Daten und Fakten enthält die es einzuschätzen und gegeneinander abzuwägen gilt. So sollte sich jedoch jeder Bürger einen eigenen Überblick verschaffen.
Im extra eingerichteten Artikel-Kanon auf echo-online.de sind alle relevanten Artikel vom Echo inklusive Informationen über den Bau des ICE-Anschlusses aufgeführt. Dort kann und sollte sich jeder Bürger einen eigenen Überblick über die Situation und die Daten und Fakten verschaffen, um am 7. Juni ausstehenden Bürgerentscheid entsprechend abstimmen zu können.
Ich möchte mit diesem Artikel verschiedene Fakten und Standpunkte zusammenfassen und aufführen, um eine Entscheidungsgrundlage zu bieten. Wichtig ist jedoch, dass sich jeder Bürger ein eigenes Bild macht, um dann angemessen entscheiden zu können.
In einem Artikel über den Nutzen und den Aufwand der NO-Umgehung wurde auch ein drei-minütiges Video veröffentlicht, welches einige Eindrücke von der Bürgerversammlung im Justus-Liebig-Haus vom 16.03.2009 beinhaltet.
Daten und Fakten – eine Entscheidungsgrundlage
Im oben verlinkten Artikel zu den Daten und Fakten wird gezeigt welche Ziele hinter dem Bau der Umgehungsstraße stecken. Geplant ist damit den negativen Einfluss auf das Verkehrsnetz Darmstadts zu reduzieren, der Bund (welcher die Umgehung mit der Stadt Darmstadt zusammen bauen will), möchte dabei den Engpass im Bundesstraßennetz beseitigen und daher würde die Umgehung auch als Teil der B26 gebaut werden.
Eine Untersuchung der Autofahrer zeigt, dass die meisten aus dem Kreis Darmstadt-Dieburg und dem Odenwaldkreis kommen (mit über 50 Prozent aus Dieburg, Groß-Umstadt, Roßdorf, Groß-Zimmern, Reinheim und Höchst) – also aus Richtung B26 kommend und dann entweder über die Heinrichstraße oder am Ostbahnhof vorbei fahren – außerdem waren mehr als die Hälfte der knapp 4000 Befragten auf dem Weg zur oder von der Arbeit. Fast 3/4 (72,2%) nannten Darmstadt als ihr Fahrtziel und davon entfallen mehr als die Hälfte auf Innenstadt und den Darmstädter Süden.
Die Leute die von der NO-Umgehung profitieren sind jedoch nur gut 30% der Fahrer die in den Norden oder Nord-Westen möchten.
Der Rest, das sind nur 30,7 Prozent aller Fahrten, hat sein Ziel im Norden und Nordwesten der Stadt – dies ist der wesentliche Anteil künftiger Nutzer der Nordostumgehung. Quelle: echo-online.de
Interessant ist auch, dass der Teil der nur durch Darmstadt hindurch fährt, einen verschwindend geringen Anteil ausmacht. Auch mit Fahrtziel Frankfurt waren nur etwa 1% der Fahrer unterwegs. Dies verdeutlicht, dass es sich im Wesentlichen um Fahrer aus der entfernten südlichen Region handelt, die nach Darmstadt und nicht durch Darmstadt wollen.
Nun stellt sich die Frage: Was bietet die NO-Umgehung bzw. wo kann sie Entlastung schaffen? Hilft sie also die oben durch die Umfragen aufgenommenen Verkehrsströme umzuleiten und somit eine Entlastung zu schaffen?
Ein Trugschluss scheint wohl zu sein, dass die NO-Umgehung die Innenstadt entlasten soll. Schaut man sich die Daten an, wird deutlich, dass hier hauptsächlich eine Entlastung des Spessartrings und Rhönrings (um die Hälfte!) entstehen würde. Wie man auf der verlinkten Karte sieht, führen beide vom Ostbahnhof um den zentralen Stadtkern herum.
Außerdem interessant ist ebenso, dass durch eine Simulation gezeigt werden konnte, dass durch die NO-Umgehung der Verkehr in Darmstadt im Jahre 2015 leicht steigen wird. Dies geht wohl daraus hervor, dass die NO-Umgehung als zusätzliche Straße Verkehr aufnehmen kann, welcher sich dann auch durch Anreisende aus der Umgebung einstellt und somit das Gesamtverkehrsaufkommen erhöht.
Nicht entlastet wird z. Bsp. die Heinrichtstraße, die weiterhin den Verkehr zum Westen, Südwesten und zur Autobahn aufnimmt. Die Menschen, die zur Autobahn wollen können, wie die Karte zeigt, über die Heinrichstraße zur Rheinstraße fahren.
Außerdem würde, wie geschrieben, das Verkehrsaufkommen der Heinrichstraße (welche zum Ostbahnhof führt) durch die Umgehung ansteigen (ohne Umgehung prognostiziert etwa: 25.500/Tag, wie heute; mit Umgehung prognostizierte 40.800/Tag) und von diesem Gesamtaufkommen an der Umgehung würde sich zwar etwas mehr als die Hälfte (etwa 23.200/Tag) in den Tunnel ergießen, jedoch würden immerhin noch der Rest von etwa 17.600/Tag Fahrzeugen in die Landgraf-Georg-Straße abfließen (was jedoch rein rechnerisch in absoluten Zahlen etwa 7.900/Tag (31%) weniger ist als die 25.500/Tag heute). Das ist genau die Straße, die heutzutage so überlastet ist und vom Ostbahnhof am Schloßgraben vorbei direkt in die Innenstadt führt und wo die Befürworter der Umgehung immer wieder mit einer Entlastung der Innenstadt werben. Diese Entlastung wird aber vermutlich gering sein, vor allem zu Stoßzeiten. Rein rechnerisch ab der Teichhausstraße etwa 10% und danach etwas mehr. Die Umgehung dient also nicht wirklich zur Entlastung der Innenstadt! Das Argument der Gegner jedoch, dass die Innenstadt überhaupt nicht entlastet würde stimmt so in Zahlen also auch nicht. Jedoch bezweifle ich persönlich ebenfalls, dass diese (für mich) geringe Entlastung von gut 10% signifikant ist. Hierbei ist die Frage ob die im Abschnitt “Umwelt” (unten) genannten Veränderungen im Stadtbild diese Entlastung rechtfertigen.
Pro: Wer also für eine Entlastung des Spessartrings und Rhöhrings ist und möchte, dass die Menschen die zu Merck wollen, zum Gewerbegebiet Nordwest oder nach Weiterstadt schneller vorankommen und denen jedwede (noch so geringe) Entlastung der Landgraf-Georg-Straße recht ist, die müssen für eine NO-Umgehung stimmen (Kreuz am 7. Juni bei “Nein” machen)!
Ebenfalls zu berücksichtigen ist, dass der Schwerlastverkehr zu einem Anteil (von ca. 1/10, tagsüber: 10,4 %; nachts: 12,8 %) auf die NO-Umgehung entfällt. Das würde also zu einer kleinen Entlastung der Innenstadt führen. Theoretisch. Jedoch muss hierbei berücksichtigt werden, dass das Rechenmodell ebenfalls eine Verkehrssteigerung durch die Umgehung prognostizierte. Damit könnte also ein Teil des Schwerlastverkehrs erst durch die Umgehung hinzugekommen sein und würde ohne Umgehung vielleicht hier gar nicht fahren?
Contra: Die Menschen die eigentlich eine signifikant hohe Entlastung der Inennstadt (Landgraf-Georg-Straße, Schloßgraben) wollen und den Durchgangsverkehr gerne reduziert sehen würden, brauchen sich aus der Umgehung keine großen Hoffnungen machen. Wer außerdem global für die Umwelt denkt und wem das Gesamt CO2-Aufkommen wichtiger ist, als die Entlastung für die Menschen in der Innenstadt (bzw. Rhön- und Spessartring), der sollte gegen eine Umgehung stimmen – wobei hierbei die langen Standzeiten der Autos im Staus soweit ich informiert bin nicht weiter berücksichtigt sind (also am 7. Juni mit “Ja” abstimmen).
Naturfreunden, denen die Idylle, einige Bäume und etwas Flair zum Entspannen wichtiger ist oder die eher etwas konservativer eingestellt sind und somit (frei nach dem Motto: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier) lieber keine Veränderungen im Stadtbild möchten, die sollten ebenfalls gegen eine Umgehung stimmen (s. im letzten Abschnitt die Links zur Trassenbegehung).
Dazu kommen noch die natürlich für so einen Bau hohen Kosten und die momentan knappen Kassen. Hier ist die Frage ob die Kosten einen Mehrwert an Lebensqualität bringt oder ob die Kassen einfach zu leer sind oder gar die durch den Bau belasteten Grünflächen die Lebensqualität minder.
Wie sieht es mit der Umwelt und der Sicherheit aus?
Positiv ist, dass der Tunnel einen zentralen Abgasschornstein besitzen wird der etwa (laut darmstadt.de) 80% der Luft ansaugt und in obere Hemisphären befördert, ca. 10 % treten an den Ein- und Ausfahrten auf. Problem dabei: Alles ungefiltert!. Der Schornstein ragt 10m in die Höhe und wird die Abgase jedoch hoch hinaus transportieren womit bei den angrenzten Gebieten für Anwohner und Menschen die zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind die Immissionen (laut Ingenieure) unter den Grenzwerten liegen.
Wichtig zu erwähnen ist auch, dass die Schadstoffbelastung für den Menschen in der Innenstadt (durch die Auslagerung des Schwerverkehrs auf die Umgehung) sinkt. Das heißt die Menschen in der Innenstadt profitieren direkt davon. Jedoch ist die Gesamtumweltbilanz höher, da durch den längeren Fahrtweg durch die Umgehung mehr CO2 im Gesamten ausgestoßen wird.
Negativ zu erwähnen ist, dass der Tunnel nicht den aktuellen bspw. EU-Normen entspricht. Somit soll der Tunnel zwar alle 300m einen Notausgang und alle 600m eine Pannenbucht spendiert bekommen, jedoch sind eigentlich zwei getrennte Röhren Vorschrift, die aber hier nicht gebaut werden. Schade!
Außerdem sollte man sich im Klaren darüber sein, dass der Bau auch bedeutet, dass an den Auf- und Abfahrten (Zugänge gibt es auf der Tunnelstrecke nicht mehr) entsprechend gebaut werden muss. Davon betroffen ist zum Beispiel der direkt angrenzende Botanische Garten. Er wird dann direkt an die für den Tunnel zu bauende vierspurige Trasse grenzen, die dann täglich über 40.000 Autos pro Tag aufnehmen wird.
Die August-Buxbaum-Anlage die Oberhalb vom Ostbahnhof parallel zum Spessartring liegt müsste dem Tunnel komplett weichen. Das ist zwar schade und zeigt auch wenn man sich die Karten anschaut wie groß/breit die Baumaßnahmen dann sein werden, jedoch muss man ehrlicherweise sagen, dass die Anlage so klein ist (also nicht zu vergleichen bspw. mit dem Botanischen Garten), dass das Weichen der Buxbäume zu verkraften wäre. Dies würde ich also als Gegenargument nicht gelten lassen!
Wenn man sich den Ausmaß des Baus deutlich machen will, dann ist wohl auch wichtig zu erwähnen, dass der Tunnel ebenfalls auch neben der Rosenhöhe und dem Karlshof vorbei gehen wird. Frage ist dann, wie bei einem Echo-Artikel gefragt wird, ob dieser Aufwand und die Belastung (durch Fällen von Bäumen etc.) den langfristigen Nutzen wert ist.
Weiterführende Seiten und Informationen
- Europawahl und Bürgerentscheid in Darmstadt – Informationen für Briefwähler @darmstadtnews.de
- Die Nordostumgehung – Daten und Fakten @echo-online.de
- Artikel-Kanon zur Nordostumgehung @echo-online.de
- Fünf Gründe gegen die Umgehung: “Die ‘Nordost-Umgehung’ ist ein Schaden für die Stadt Darmstadt” @nordostumgehung.de
- Trassenbegehung mit Bildern der Baustellen bei einem Umgehungsbau @nordostumgehung.de
- Information zur Abstimmung zum Bürgerentscheid am 7. Juni @nordostumgehung.de
- Webseite Nordostumgehung der Stadt Darmstadt @darmstadt.de
- Umgehungsstraße spaltet Ampelkoalition @faz.net
- Protokoll der konstituierenden Sitzung des Beirats “Nord-Ost-Umgehung Darmstadt” vom 4.11.2004 (PDF) @bund.de
- Stadt beteiligt Bürgerschaft intensiv an Nord-Ost-Umgehung @dafacto.de
- FAQ (wiederkehrende Fragen) zur Nordostumgehung @darmstadt.de
- Nordostumgehung (Darmstadt) @wikipedia.de
- Nordostumgehung Darmstadt @Blog schonleben.de
Fußnoten
- “Die Nordostumgehung muss kommen” @echo-online.de [↩]
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