
EU Logo Bologna-Prozess (Quelle: Wikipedia / Brian Ammon)
Ich erlebe es selbst oft, vor allem auf der Arbeit, dass die unstrukturierte Arbeitsweise von Studenten, die frei von Zeitgrenzen ist (man ist eben normal nicht morgens um 8 auf der Arbeit und geht um 18 Uhr) von Kollegen als merkwürdig empfunden wird. Dann heißt es immer wieder, der Student schafft nichts, steht morgens spät auf …
Natürlich alles nur halb ernst gemeint (und halb richtig), mit einem lächeln auf den Lippen – damit muss man im Büroalltag und als zukünftiger Akademiker umgehen können.
Warum jedoch gerade diese Freiräume so wichtig sind ist oft nicht klar. In einem Interview der ZEIT Online erklärt nun Psychotherapeut Rainer Holm-Hadulla (Universität Heidelberg) wieso gerade Freiräume, die Platz zum Denken schaffen, wichtig sind für die Kreativität und das eigenständige Denken von Studenten. Ein Studium soll eben nicht nur bloßer Wissenserwerb sein, ein Studium ist mehr, soll zum selbständigen, kreativen Denken anregen und dazu dienen, dass sich Studenten aus eigener Initiative mit dem Stoff beschäftigen. So funktioniert motiviertes Lernen am besten. Genau das wurde jedoch mit den Master- und Bachelor-Abschlüssen, die im Bologna-Prozess eingeführt wurden, abgeschafft. Wenig Freiräume, vor allem für Universitätsverhältnisse und straff durchorganisierte Stundenpläne sind zum Alltag geworden.
Der geneigte akademische Geist braucht Luft zum Atmen, damit er sich frei entfalten kann!
Rainer Holm-Hadulla sagt im ZEIT-Interview:
Für Studierende, die in der Lage sind, selbstgesteuert zu lernen und dies aus eigener Motivation heraus tun, ist die Überstrukturierung der neuen Studiengänge ein großes Problem. Es mangelt an Freiräumen zum Nachdenken und zum selbständigen Problemlösen. In der Kreativitätsforschung sind sich Neurobiologen, Psychologen und Kulturwissenschaftler einig: Optimale Resultate ergeben sich im Zusammenspiel aus freiem Denken ohne Vorgaben und strukturiertem Wissenserwerb. Insofern sind acht Stunden Pflichtprogramm kontraproduktiv. [...]
Ein Studium dient nicht nur dazu, Wissen zu erwerben, sondern soll auch zum selbständigen Denken befähigen und zur Neukombination erlernter Informationen. Alle Studien zeigen, dass kombinatorisches Denken am besten ohne Zeitdruck und äußere Ablenkungen funktioniert. Wenn sich jemand an einem verschlafenen Nachmittag in der Bibliothek durch ein Buch quält, und immer mal wieder aus dem Fenster schaut und seine Gedanken schweifen lässt, ist das keine verlorene Zeit, sondern von großer Bedeutung. Wenn wir ruhig, gelassen und ziellos nachdenken, sind ganz andere Hirnareale aktiv als wenn wir konzentriert denken. Diese Areale, die man Assoziationskortex nennt, sind ebenso wichtig wie die Areale, die beim konzentrierten Denken aktiv sind.
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